
Das Tagebuch der Anne Frank hat viele Gesichter
Denken deutsche nichtjüdische Menschen an jüdisches Leben, fällt den meisten in erster Linie der Holocaust ein: sechs Millionen von den Deutschen ermordete Juden und Jüdinnen. Eine davon war Anne Frank. Im Hinterhaus der Firma des Vaters vor den Nazis untergetaucht, schrieb sie ein Tagebuch, das weltberühmt geworden ist. Doch auch Anne Frank war mehr als ein Opfer, genau wie jüdisches Leben „mehr ist als nur die Opferrolle",[1] ist, so Josef Schuster, Zentralrat der Juden in einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk.
Auch das "Tagebuch der Anne Frank" hat viele Gesichter, und zeigt sie auch als begabte, ehrgeizige Schriftstellerin und als ein von Gefühlen, Hoffnungen, Zweifel und Gedanken überwältigten Teenager, der zudem permanenter Bedrohung durch unmenschliche Verbrechen und Krieg ausgesetzt war.
Mein Blog-Text erzählt von Annes Leben und Schreiben, begleitet u.a. von Mirjam Pressler, Herausgeberin, Übersetzerin und 2019 verstorbenen herausragenden jüdischen Jugendbuchautorin: „Für mich Anne Frank nicht unbedingt ein Holocaustbuch sondern ein Pubertätsbuch.“[2]Außerdem möchte ich Lichter werfen auf Annes literarisches Talent und auf ein frisch herausgegebenes Buch mit ihren Geschichten. Natürlich kann nicht unerwähnt bleiben, dass Anne vor 80 Jahren von den Nazis ermordet wurde.
Annes kurzes Leben
"Wie schreibt man die Biografie eines Mädchens, das nur fünfzehn Jahre alt geworden ist", schreibt Mirjam Pressler zu Beginn ihres Texts über Anne Franks Leben.

Annelies Marie Frank, geboren 1929 in Frankfurt am Main, war ein lebhaftes kluges Mädchen. Laut Lehrer war sie eine "Schwatzliese" und schrieb manche Strafarbeiten in Reimen. 1933 beschloss Otto Frank in weiser Voraussicht nach Holland auszuwandern und gründet dort die Opekta-Werke. 1934 kam Anne mit dem Rest der Familie in Amsterdam an. Dort führte sie zunächst ein relativ sorgenfreies Leben, bis 1940 Hitler die Niederlande überfiel. Damit begannen die Einschränkungen, Bedrohungen und Diskriminierungen. Anne Frank beschloss aber, die Räume, die ihr noch zur Verfügung standen, wie etwa den Eisladen, noch voll zu nutzen. Zum dreizehnten Geburtstag 1942 bekam sie ein Tagebuch geschenkt, mit rot kariertem Stoff überzogen und einem goldenen Schloss, in das sie von da an täglich notierte. Kurze Zeit später, 6. Juli 1942 musste die ganze Familie Frank, Edith, Margot, Otto und Anne, ins berühmt gewordene Hinterhaus in der Prinsengracht untertauchen. In ein Versteck, in dem sie nur durch die beispiellose Hilfsbereitschaft beherzter Menschen, die Anne „Engel“ nannte überleben konnten, und das nach und nach noch vier weitere Menschen aufnahm.[3]
Die Namen der Versteckten: Familie Frank, Otto, geboren 12.5. 1889 in Frankfurt, Edith, geborene Holländer 16. Januar 1926, Margot, geboren 16. Februar 1926 und Anne, geboren 1929 beide in Frankfurt am Main.
Familie van Pels (aus Osnabrück): Auguste geboren 29.9.1890, Hermann, geboren 31.3.1889, Peter, geboren 8.11.1926, Fritz Pfeffer, geboren 1889 in Gießen.
Die Namen der Helfer*innen in Amsterdam, von Anne "Engel" genannt: Miep Gies, Johannes Kleiman, Viktor Kugler, Bep Voskuijl.
Dort schrieb sie ihr Tagebuch weiter, das als „Das Tagebuch der Anne Frank“ weltweit veröffentlicht wurde und ein Jugendbuchbestseller wurde. „Wenn ich mir vorstelle, was aus uns werden soll, wenn unsere Engel verschwinden, werde ich todtraurig".
24 Monate nach dem Einzug in das Versteck am 4. August 1944 wurde die Familie entdeckt, denunziert und am 4. August verhaftet. Im März 1945 stirbt Anne Frank im Konzentrationslager Bergen-Belsen; der genaue Todestag ist unbekannt.
Ihr Vater Otto Frank war der einzige Überlebende der acht Menschen im Versteck. Miep Gies, eine der Helfer*innen, rettete das Tagebuch und übergab es Otto Frank, nachdem sicher war, dass Anne Frank nicht zurückkommen würde. Dieser widmete seine Arbeitskraft bis zu seinem Tod 1980 den Texten seiner Tochter und ihrer Veröffentlichung und Verbreitung.[4]
Annes Schreiben
„Niemand, der nicht schreibt, weiß, wie fein es ist, zu schreiben. Früher habe ich immer bedauert, nicht gut zeichnen zu können, aber nun bin ich überglücklich, dass ich wenigstens schreiben kann.“ (Tagebuch, 4. April 1944)
„Liebe Kitty! Ich werde, hoffe ich, dir alles anvertrauen können, wie ich es noch bei niemandem gekonnt habe, und ich hoffe, du wirst mir eine große Stütze sein“, so beginnt das Tagebuch am 12.6.1942, und schon in den ersten Beiträgen liest man die genaue Beobachtungsgabe des Mädchens aus den Beschreibungen eines typischen sorglosen Kinderalltags. Das Tagebuch wird ihr, die schrieb: „Ich habe keine Freundin“, zur Freundin; Jeden Eintrag überschrieb sie mit „Liebe Kitty“ und fasst ihn in der Du-Form ab. Anne Frank hat später, im Versteck, ihr Tagebuch in zwei Versionen abgefasst. Unter dem Eindruck einer Rede des Niederländischen Erziehungsministers 1944 im Radio „dass man nach dem Krieg alles über die Leiden des niederländischen Volkes durch die deutsche Besatzung sammeln und veröffentlichen müsse. Als Beispiel führte er unter anderem Tagebücher an[5]“, begann sie ihr Tagebuch in einer zweiten Version umzuarbeiten, gab allen Personen Pseudonyme und fasste sie als Roman. Außerdem führte sie ihr Tagebuch in der ursprünglichen Version und noch weitere Tage- und Notizbücher weiter und schrieb viele Geschichten.
In ihren Texten drückt sich die große Sehnsucht nach Freiheit aus, und sie zeigen die ganze Grausamkeit des Naziregimes.
„Ich habe furchtbare Angst, dass wir entdeckt und erschossen werden.“
An anderer Stelle: „Heute erzählte Miep uns ein paar grausige Nachrichten aus der echten Welt. Sie hat gesehen, wie eine jüdische Nachbarin von der Gestapo abgeholt wurde, und konnte nur hilflos zuschauen.“ Im Tagebuch notiert sie täglich den Alltag im Versteck, sehr detailreich und gleichzeitig leicht und augenzwinkernd. Sie schreibt über die „vielen feelings[6]“ der Pubertät genau wie über ihre erste Liebe. „Von morgens früh bis abends spät denke ich eigentlich an nichts anderes als an Peter.“[7] Sie schreibt über Streit mit Mutter und Schwester. Dabei nimmt sie kein Blatt vor dem Mund; Körper und Sexualität gehören genauso zu ihrem Fokus wie die Geschwisterrivalität.
Anne Frank. Gesamtausgabe
Alle Schreibprojekte sind in der von Mirjam Pressler herausgegeben Gesamtausgabe dokumentiert, etwa das Romanfragment „Cadys Leben“ und die „Geschichten aus dem Hinterhaus“.
„Ich habe vor ein paar Wochen angefangen, eine Geschichte zu schreiben, etwas das ganz ausgedacht ist, und es macht mir so viel Freude, dass sich meine Füller-Kinder schon stapeln.[8]“
Anne Frank. Füller-Kinder. Ein neues Buch 2025. Eine große Empfehlung.

Alle 40 Geschichten und das Romanfragment sind nun in dem wunderschönen Band „Pennekinderen. Verhaaaltjes en gebeurtenissen uit het achterhuis“ vom Anne-Frank-Haus Amsterdam 2024 verlegt und von vielen namhaften Illustrator*innen wie Joohee Yoon, Mylo Freeman, Barroux, Liana Finck, Axel Scheffler, Emily Hughes uvam illustrieren worden. Der Jacoby und Stuart hat diesen Band auf Deutsch "Füller-Kinder" herausgegeben. Es gibt es eine wunderbare Einführung von keiner Geringeren als Malala Yousafzai.
"Wie Anne träumte ich von einer anderen Welt für mich, einer Welt, in der ich mit magischer Feder meine innigsten Wünsche festhalten könnte, um so meiner Familie, meinen Freunden und Nachbarn Frieden zu bringen."
Yousafzai erzählt von ihren Erinnerungen und ihrer Verbindung zu Anne Frank. „Ich weiß noch, dass ich als Elfjährige wie Anne fühlte, als ich im Swat-Tal unter der Herrschaft der Taliban lebte.“
Viele Kommentare der Illustratorinnen heben die Geschichten in die Gegenwart und unterstreichen Aktualität und Relevanz.
Die Geschichten „erinnern uns daran, dass alle Kinder, insbesondere die, die in Armut leben müssen, von einer besseren Zukunft träumen“, so Yousafzai.
Anne Frank verbindet in ihren Geschichten ihre große Beobachtungsgabe mit Humor und Nachdenken. Im begrenzten Raum des Verstecks schafft sie sich so Räume und ein Gegenüber: Im Schreibverfahren des Fragens und Antwortens setzt sie sich wie etwa in der Geschichte „Geben“ sozialkritisch und mehrperspektivisch mit Fragen der Menschenwürde, Menschlichkeit und Klassenunterschieden auseinander und entpuppt sich dabei als zeitlose Botschafterin für "Frieden, Gerechtigkeit und Humanismus" (vgl. Anne Frank Fond Basel) sowie als Moralistin.
„Vom Geben ist noch niemand arm geworden.“
Ruth Löbner, die die Originalmanuskripte frisch übersetzt und bearbeitet hat (z.B. aus „Pennekinderen/Federkinder“ die zauberhaften „Füller-Kinder“ gemacht hat), verweist auf Annes schriftstellerische Praktiken und beschreibt, wie wichtig Text- und Schreib-Vorbilder für die Vielleserin waren. „Das merkt man bei Anne Frank am deutlichsten in ihren Erzählungen. Manche klingen wie Märchen, andere wie Liebesgeschichten, aus „Blurry“ hätte man ein Bilderbuch für Kleinkinder machen können, und bei ihrem „Interview“ mit Peter (meiner Lieblingsgeschichte) hat sie ganz offensichtlich ihre humoristische Seite ausprobieren wollen.“
„Wie wunderbar, dass niemand eine Minute warten braucht, um damit anzufangen, die Welt langsam zu verändern!“
Das Tagebuch der Anne Frank und alle ihre Geschichten, Märchen, Liebesgeschichten, Gedankentexte und das Romanfragment sollten wir immer wieder lesen, als humanistischer Denkraum, als lebensklugens Zeugnis grausamster Verbrechen, als Pubertätsbuch, als Werk einer der jüngsten Schriftstellerinnen und als Ort, an dem die Traurigkeit einen Platz hat, darüber dass ihr Leben so kurz war. Der Autor, Dichter und Essayist Max Czollek sagt in seinem Essay Versöhnungstheater. Anmerkungen zur deutschen Erinnerungskultur | Jüdisches Leben in Deutschland – Vergangenheit und Gegenwart | bpb.de
„Erinnerungskultur bedeutet, die Gesellschaft so einzurichten, dass die Geschichte sich nicht wiederholt. Sie bedeutet auch, dass es Räume der Untröstlichkeit braucht, in denen gilt, was selbstverständlich sein sollte: Es wird nie wieder alles gut.“[9]Max Czollek
Zum Schluss: Teile dieses Texts werden übrigens im Programmheft der Kölner Kurrende zum Konzert "Annelies" - Ein Requiem von James Whitbourne nach Tagebuchtexten von Anne Frank- erscheinen. Weil auch die Auswahl der Texte aus dem Tagebuch eher das Opfer-Narrativ unterstreicht, natürlich in der guten und wichtigen Absicht an die grausamen Naziverbrechen und das Kriegsende vor 80 Jahren zu erinnern. Umso schöner, dass ich eine kleine Einordnung/Ergänzung schreiben durfte.

Credits. Danke! Die Illustration ganz oben ist von Floor Rieder aus dem empfehlenswerten von mir wirklich heiß geliebten Band "Füller-Kinder", mit vielen Dank für die Genehmigung und das kostenlose Rezensionsexemplar an den Jacoby und Stuart Verlags und der Anne Frank Stichting. Die Umschlagillustration ist von Geertie Alders.
Weiterlesen: Fußnoten mit Literatur
[1] Josef Schuster, Zentralrat der Juden, Jüdisches Leben in Deutschland - Mehr als nur die Opferrolle
[2] Mirjam Pressler in der Ausstellung: Schreiben ist Glück, Jüdisches Museum Frankfurt 2024
[3] Alle acht Personen im Versteck: Familie Frank: Anne, Margot, Edith und Otto. Familie van Pels: Peter, Hermann, Auguste. Fritz Pfeffer. Helfer*innen waren Miep Gies, Bep Voskuijl, Victor Kugler, Johannes Kleimann. Die beiden letzteren wurde ebenfalls mit den acht Untergetauchten verhaftet.
[4] Vgl.: Anne Frank. Gesamtausgabe. Basel 2013
[5] Anne Frank. Gesamtausgabe, Frankfurt 2013
[6] Jennifer di Negri “reise nach Babylon“, Köln 2025
[7] Peter van Pels alias Peter van Daan.
[8] Anne Frank. Füller-Kinder. Erzählungen und Ereignisse aus dem Hinterhaus. Berlin 2025
[9] Versöhnungstheater. Anmerkungen zur deutschen Erinnerungskultur | Jüdisches Leben in Deutschland – Vergangenheit und Gegenwart | bpb.de
Mehr zu den vielen Opfern der Nazis: Die Opfer des Nationalsozialismus | einfach POLITIK | bpb.de
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